Heute wird die Fußball-Weltmeisterschaft im legendären Estadio Azteca eröffnet. Während Millionen Menschen auf den Fußball schauen, denke ich an etwas anderes.
An ein Land. An ein Gefühl. An meine Gefühle für dieses Land. An meine Reisen. An meine Lieblingsorte. An meine Freunde. So weit entfernt und doch so nah.
An einen Ort, der sich für mich seit vielen Jahren wie ein zweites Zuhause anfühlt.
Mexiko.
Achtung, dieser Text wird genau so schnulzig wie die mexikanischen Lieder.
Und während heute Zehntausende Menschen gemeinsam ihre Hymnen singen, werde ich wahrscheinlich wieder mit einem Kloß im Hals vor dem Fernseher sitzen. Nicht wegen des Fußballs. Sondern wegen der Menschen, denn Mexiko hat mein Herz schon lange vor dieser Weltmeisterschaft erobert.
Alles begann im Jahr 2008
2008 führte mich ein Auslandspraktikum zum ersten Mal nach Mexiko. Naja eigentlich war es mein Austauschstudent Gustavo, denn ursprünglich wollte ich nach Honduras, wegen Sendy, meiner lieben Freundin, die mich durchs Spanisch-Abi gerettet hat. Man lernt eine Sprache eben doch, wenn man sie aktiv spricht… regelmäßig. 2008 war ich dann in beiden Ländern 😉 aber die meiste Zeit doch in Mexiko.
Damals hatte ich keine Ahnung, dass diese Reise mein Leben verändern würde.
Ich kann nicht einmal sagen, dass es einen einzigen Moment gab. Es war eher ein Gefühl, das sich langsam in mein Herz geschlichen hat.
Die Geräusche auf den Straßen und der Geruch, die Herzlichkeit der Menschen, die Farben, die Musik, einfach das Leben.
Während ich in Deutschland oft das Gefühl hatte, dass viele Menschen nebeneinander leben, hatte ich in Mexiko das Gefühl, dass die Menschen miteinander leben.
Und genau das hat mich vom ersten Moment an berührt und tut es immer noch bei jeder meiner Reisen. Es besteht echtes und wahrhaftiges Interesse. Ich denke in Mexiko hatte ich schon mehr Gespräche mit Fremden, einfach so, auf der Straße als jemals in Deutschland.
Mexiko fühlt sich für mich wie Nachhausekommen an
Es klingt vielleicht merkwürdig, schließlich bin ich in Deutschland geboren, habe hier meine Familie, meine Freunde und mein Zuhause, fühle mich auch irgendwie heimisch… ABER…
Es passiert jedes Mal dasselbe: Sobald ich in Mexiko aus dem Flugzeug steige, fällt etwas von mir ab.
Ich kann es nicht besser beschreiben, es ist dieses Gefühl von: „Ah. Da bin ich wieder.“ Und die erste Person die mich anspricht, bekommt die ganze Ladung an Emotionen, an Freude und Liebe zu diesem Land ab, auch wenn es nur der Immigration Mensch ist, oder der Zollbeamte.
Manchmal höre ich Kinder auf Spanisch miteinander sprechen und merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen (nicht aus Traurigkeit). Sondern weil dieses Land etwas in mir berührt, das ich schwer in Worte fassen kann.
Mit dem Essen war es nicht sofort Liebe
Ganz ehrlich? Mit dem Essen musste ich erst warm werden. Bzw, habe ich mich nicht sofort „rangetraut“.
Während andere sofort von Tacos schwärmen, war ich anfangs eher skeptisch. Bohnenmus? Maistortillas immer und überall? Zum Frühstück scharfe Soßen? Das war für meinen „deutschen Geschmack“ zunächst gewöhnungsbedürftig.
Heute sieht die Sache etwas anders aus. Heute freue ich mich auf Huevos Rancheros zum Frühstück, auf frische Tortillas direkt vom Comal, auf Chilaquiles, auf Mole, auf Tacos in irgendeiner kleinen Straßenküche, die von außen unscheinbar aussieht und innen die besten Gerichte serviert, bei meiner Gastmama von damals wünsche ich mir immer Pozole.
Und ich weiß mittlerweile auch ganz genau: Wenn ich nach Mexiko reise, nehme ich zu. Jedes einzelne Mal. In dem halben Jahr 2008/2009 waren es 10 Kilo.
16 Bundesstaaten später
Wenn mir Kunden erzählen, sie möchten in drei Wochen „ganz Mexiko sehen“, muss ich immer ein wenig schmunzeln. Mexiko ist fast sechs Mal so groß wie Deutschland. Viele Reisende unterschätzen das völlig.
Ich habe inzwischen 16 Bundesstaaten bereist. Und weitere sechzehn warten noch darauf, entdeckt zu werden. Jede Reise zeigt mir ein anderes Mexiko.
- Die Nebelwälder von Chiapas.
- Die kolonialen Städte im Hochland.
- Die Kakteenlandschaften im Norden.
- Die Karibikstrände auf Yucatán.
- Die Pazifikküste.
- Die Vulkane.
- Die Wüsten.
- Die Dschungel.
- Die Landschaften, die so unwirklich sind.
Man könnte sein ganzes Leben lang nach Mexiko reisen und würde trotzdem immer wieder Neues entdecken.
Meine Lieblingsorte dieser Welt liegen in Mexiko
Wenn mich jemand nach meinen Lieblingsorten auf der Welt fragt, lande ich fast immer in Mexiko.
Grutas de Tolantongo: Warme türkisfarbene Wasserbecken mitten in einer Schlucht. Ein Ort, der fast unwirklich erscheint.
Hierve el Agua: Versteinerte Wasserfälle, spektakuläre Ausblicke und ein Sonnenuntergang, den ich niemals vergessen werde.
San Juan Chamula: Einer der faszinierendsten Orte, die ich jemals besucht habe. Eine Welt voller Traditionen und Rituale, die man kaum irgendwo sonst erlebt.
Río Lagartos: Flamingos, Mangroven und das Gefühl, mitten in einem Naturfilm gelandet zu sein.
Und jedes Mal denke ich:
Wie kann ein einziges Land so viele unterschiedliche Welten in sich vereinen?
Meine Mexiko-Sucht ist ansteckend
Leider. Oder zum Glück. Denn irgendwann blieb meine Begeisterung nicht mehr nur meine eigene.
Zuerst musste mein Mann und meine Eltern mit, mittlerweile reisen wir mit den Kindern, meine Eltern mit ihren Freunden und einige Freunde von mir habe ich auch schon in mein Lieblingsland geschickt und sie wurden Wiederholungstäter…
Ich habe das Gefühl, dass ich einen kleinen Teil meines Umfelds mit dem Mexiko-Virus bereits infiziert habe. Die gute Nachricht: Hinterher wird mir eine große Dankbarkeit zu Teil.
Die Wahrheit ist: Mexiko begleitet mich auch zu Hause
Wenn ich ehrlich bin, endet meine Mexiko-Liebe nicht am Flughafen. Sie reist jedes Mal mit zurück nach Deutschland. In meinem Kleiderschrank hängen mittlerweile mehr mexikanische, bunt bestickte Blusen und Kleider als Dirndl (und ich habe 8 Jahre in Bayern gelebt).
In meiner Küche stehen handbemalte Talavera-Teller aus Mexiko, von denen ich viel lieber esse als von jedem gewöhnlichen Geschirr. Meinen mexikanischen Rohkakao trinke ich am liebsten aus einer bunten mexikanischen Tasse. Und wenn Gäste zu Besuch kommen, stehen oft die dicken, leicht unperfekten Gläser auf dem Tisch, die ich irgendwann einmal aus Mexiko mitgebracht habe.
Natürlich findet man in meinem Bücherregal auch deutlich mehr mexikanische Koch- oder Geschichtsbücher als deutsche.
Wer mich kennt, weiß außerdem: Wenn irgendwo Avocados angeboten werden, hoffe ich insgeheim, dass sie aus Mexiko stammen. Und bei einem guten Tequila werde ich grundsätzlich schwach.
Auch musikalisch hat Mexiko längst gewonnen.
Während viele Menschen bei Après-Ski-Hits oder Ballermann-Musik ausgelassen feiern, schlagen mein Herz und meine Füße eher bei mexikanischen Rhythmen höher. Ob Luis Miguel, los Angeles Azules, Mana oder Paulina Rubio…
Ich liebe die kitschigen Liebeslieder, bei denen man auch ohne jedes Wort zu verstehen sofort merkt, worum es geht.
Und ich liebe diese mexikanische Eigenschaft, Musik nicht nur zu hören, sondern zu leben. Das ist allgemein so eine lateinamerikanische Gewohnheit… Love it!
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich heute lieber Spanisch spreche als Englisch.
Nicht, weil Englisch nicht wichtig wäre, sondern weil Spanisch für mich voller Wärme, Leidenschaft und Lebensfreude steckt.
Und wenn Ende Oktober überall Kürbisse und Gespenster auftauchen, schlägt mein Herz ebenfalls eher mexikanisch. Bei mir schmücken dann Cempasúchil-Girlanden und Catrinas – bunte Totenköpfe – das Haus.
Diese besondere Art am Dia de los muertos, sich an geliebte Menschen zu erinnern, berührt mich jedes Jahr aufs Neue.
Bei jeder Reise frage ich mich, wieviel Mexiko noch in mein Leben passen soll… wahrscheinlich bekomme ich davon nie genug.
Manchmal scherze ich, dass ich in einem früheren Leben vielleicht Mexikanerin gewesen sein muss.
Was ich an Mexiko besonders liebe
Es sind nicht nur die Landschaften, nicht nur die Pyramiden mitsamt der reichhaltigen Geschichte und Kultur, nicht nur die Strände, nicht nur das Essen… Es sind die Menschen, ihr Stolz auf ihr Land, der dir überall begegnet, ihre Verbundenheit, ihre Familien, ihre Kultur, ihre Geschichte, ihre Musik.
Vor allem ihre Musik. Ich liebe diese großen Bands. Ich liebe die Mariachis. Ich liebe die kitschigen Liebeslieder, die traurigen Texte, die fröhlichen Texte. Die Musik auf Familienfeiern, die Musik auf Dorfplätzen, die Musik aus vorbeifahrenden Autos, die Musik zum Salsa-tanzen…
Und ich liebe diese Momente, wenn plötzlich alle mitsingen. Nicht vorsichtig. Nicht schüchtern. Nicht besonders schön… Sondern aus voller Kehle. Aus vollem Herzen.
Gemeinsam.
Heute Abend
Deshalb freue ich mich heute nicht nur auf die Eröffnung der Weltmeisterschaft.
Ich freue mich auf diesen einen Moment, wenn Zehntausende Menschen im Aztekenstadion stehen.
Wenn sie gemeinsam singen. Wenn dieser Stolz spürbar wird. Wenn dieses Gemeinschaftsgefühl entsteht, das ich in Mexiko so sehr liebe. Und wahrscheinlich werde ich wieder Gänsehaut bekommen.
So wie jedes Mal. und ich wäre so so gerne dabei! Denn Mexiko ist für mich längst mehr als ein Reiseziel.
Es ist ein Gefühl, ein Rhythmus, der Rhythmus meines Lebens.
Mexicana de Corazón.
Mexikanerin im Herzen. 🇲🇽❤️
Mein Song, meine Liebeserklärung… OUT NOW… auf Spotify und Co.
