Ich sitze vor meinem Laptop. Eigentlich wollte ich nur kurz etwas nachschauen. Fünf Minuten.
Jetzt sind es zwei Stunden später. Ich habe 17 Tabs offen, drei neue Ideen im Kopf, zwei Nachrichten angefangen (aber nicht abgeschickt) und irgendwo dazwischen vergessen, was ich ursprünglich wollte.
Und ganz ehrlich? Ich dachte lange, das ist normal.
Ich dachte, alle sind so
Ich dachte, alle springen gedanklich so und dass alle so intensiv fühlen.
Alle sind mal komplett im Flow – und im nächsten Moment einfach raus.
Dieses:
Ich bin voll da – und dann plötzlich gar nicht mehr.
Dieses:
Ich habe so viele Ideen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Also mache ich erst mal etwas anderes… Bis die Ideen mich stressen, mir Druck aufbauen und ich mich verliere im Ablenken.
Ich dachte wirklich, alle ticken so…
Dann kam dieses Wort: ADHS
Irgendwann zweifelte ich immer mehr daran, dass alle so sind. Ich hatte schon lange die leichte Ahnung und arbeitete an Methoden um mich anders zu strukturieren, effizienter zu arbeiten und mich selber besser motivieren zu können.
Ideen und Vorschläge gibt es da genug im Netz, wenn du weißt, wo du schauen sollst.
Ich wusste, dass ich wohl ziemlich neurodivergent sein müsste. Dann habe ich Tests gemacht. Mehrere.
Und das Ergebnis war ziemlich eindeutig.
ADHS.
Und ich saß da und dachte… okay, jetzt habe ich es schwarz auf weiß. Und jetzt?
Bin ich jetzt „gestört“?
Oder habe ich einfach endlich ein Wort für das, was schon immer da war?
Was, wenn ich nie falsch war?
Mir gefällt dieses Wort nur nicht. Es hört sich nach Krankheit, oder Fehlverhalten an. Dieser Gedanke kam nicht laut. Eher leise. Aber klar.
Was, wenn ich nie falsch war und auch nicht falsch bin?
Was, wenn mein Kopf nicht kaputt ist –
sondern einfach anders funktioniert?
Nicht schlechter. Nicht wirr. Nicht chaotisch.
Einfach… anders programmiert.
Mein Kopf ist kein Chaos – er ist nur nicht linear
Ich habe angefangen, genauer hinzuschauen.
Und plötzlich war da kein Durcheinander mehr.
Sondern ein Muster.
Ein Kopf, der:
- schnell ist
- vernetzt denkt
- Dinge sieht, bevor sie ausgesprochen sind
- fühlt, was im Raum liegt
Aber eben auch:
- überfordert ist, wenn alles gleichzeitig kommt
- sich verliert, wenn es zu viel wird
- Pausen braucht, auch wenn es sich nicht so anfühlt
Und dann wurde es noch klarer
Ich habe weiter geschaut. Human Design. Astrologie. Azteken-Kalender. Alte Systeme.
Und weißt du, was mich wirklich überrascht hat?
Es hat sich alles bestätigt.
Nicht im Sinne von „Schubladen“.
Sondern im Sinne von: Da ist eine Struktur, eine Art, wie ich funktioniere, ein roter Faden. Irgendwie ein Mechanismus.
Ich bin nicht sprunghaft – ich bin erfahrungsgetrieben
Ich habe mich so oft gefragt, warum ich Dinge anfange, voll drin bin… und dann wieder loslasse. Hobbies, Job, Projekte… Warum ich nicht einfach „bei einer Sache bleiben“ kann.
Heute verstehe ich: Ich bin nicht dafür gemacht, linear zu gehen. Ich bin dafür gemacht, zu erleben.
Mich reinzugeben. Zu spüren. Zu lernen. Und dann weiterzugehen.
Und ja… es ist manchmal viel
Es ist viel, wenn dein Kopf nie ganz still ist, wenn du mehr wahrnimmst als andere, wenn du gleichzeitig so viel willst und so schnell erschöpft bist.
Aber weißt du, was es auch ist?
Lebendig.
Vielleicht bist du aber gar nicht „zu viel“
Vielleicht hat dir einfach niemand erklärt, wie du funktionierst.
Vielleicht bist du nicht:
- zu sensibel
- zu sprunghaft
- zu emotional
Vielleicht bist du einfach: anders verdrahtet.
Was mir wirklich hilft (und was nicht in jedem Ratgeber steht)
Wenn alles zu viel wird, gehe ich nicht tiefer in den Kopf.
Ich gehe in den Körper.
- Musik. Laut. Direkt in mich rein.
- Mitsingen, bewegen, einfach rauslassen
- Gedanken sofort aufschreiben, bevor sie verschwinden
- mich nicht zwingen, „jetzt funktionieren zu müssen“
Und vor allem: Ich höre auf, mich ständig zu korrigieren.
Es gibt Situationen, da will ich nicht ich sein, raus aus meiner Haut, raus aus der Situation… Und es ist so anstrengend „in meiner Haut zu bleiben“, dass ich ganz wahnsinnig werde. Mir hilft es in Gedanken ein Lied zu singen. Oder, Wasser zu trinken.
Ich lerne mich gerade neu kennen
Ich bin noch nicht „fertig“. Ich habe nicht auf alles eine Antwort.
Aber ich habe aufgehört, mich ständig in Frage zu stellen und angefangen, mich zu verstehen.
Und das verändert gerade alles.
Wenn du dich hier irgendwo wiederfindest:
Du bist nicht allein.
Und vielleicht ist das hier gerade dein erster Moment, in dem etwas plötzlich Sinn ergibt.
🤍
War ich nicht einfach schon immer so?
Das Verrückte ist:
Ich habe mich in so vielen Beschreibungen wiedergefunden. Schon oft.
Und gleichzeitig dachte ich immer:
„Das sind doch ganz normale Dinge… so sind doch alle, oder?“
Ich war kein Kind, bei dem jemand gesagt hätte:
„Auffällig.“
„Unruhig.“
„Zu viel.“
Es kam leise.
Irgendwann später.
Oder vielleicht war es schon immer da – nur angepasst, überspielt, kompensiert.
Ist das jetzt eine Erklärung für alles?
Und dann kommen sie, diese Fragen: Nutze ich das jetzt als Ausrede? „Das ist wegen meinem ADHS…“
Wenn ich jemandem ins Wort falle. (Wie oft ich das mache…)
Wenn mir alles zu viel wird: Musik, Stimmen, Geräusche und ToDo-Listen im Hinterkopf gleichzeitig.
Wenn ich eine Aufgabe nicht zu Ende bringe, weil sie mich einfach nicht interessiert, oder gar nicht erst anfange.
Wenn ich Nähe brauche – und im nächsten Moment einfach nur meine Ruhe will.
Wenn ich meine Whats-App Nachrichten tagelang unbeantwortet lasse.
Darf ich das jetzt alles damit erklären? Oder ist genau das der falsche Weg?
Wie fühlt sich das eigentlich an?
Vielleicht so: Gedanken, die schneller sind als Gespräche. Ein Kopf, der nie wirklich still ist. Reize, die nicht gefiltert werden, sondern alle gleichzeitig ankommen. Ein Geräusch ist nie nur ein Geräusch. Es ist immer alles. Emotionen, die direkt durchgehen. Ohne Puffer. Ohne Vorwarnung.
Und gleichzeitig:
Kreativität, die einfach da ist. Ideen, die sich überschlagen. Ein Gefühl für Dinge, die andere gar nicht sehen. Und immer die große Lust sofort anzufangen. Jetzt sofort. Nicht warten. Wenn etwas im Kopf ist, muss es auch gleich losgehen.
Typisch ADHS? Vielleicht. Menschlich? Auch.
Vielleicht erkennst du dich hier wieder:
- Du kannst dich schwer konzentrieren – außer es begeistert dich wirklich
- Du denkst schneller, als du sprechen kannst
- Du unterbrichst Menschen, ohne es zu wollen
- Du bist schnell reizüberflutet
- Du brauchst Rückzug – plötzlich und dringend
- Du hast Probleme mit Routinen, die sich immer gleich anfühlen
- Du fühlst Dinge intensiver als andere
Und gleichzeitig:
- bist du unglaublich kreativ
- denkst vernetzt und schnell
- spürst Stimmungen sofort
- kannst dich komplett in Dinge verlieren, die dich interessieren
Ist das krankhaft? Oder einfach… anders?
Die Welt ist laut – und manche hören alles
Ich glaube nicht, dass ADHS per se eine Krankheit ist. Ich glaube, dass es eine Wesenseigenschaft ist. Und dass es erst dann zum Problem wird, wenn Menschen in ein System gepresst werden, das nicht zu ihnen passt.
Eine Welt voller Struktur, Wiederholung, Gleichmäßigkeit.
Für Menschen, die genau das nicht sind. Menschen wie mich… ein Hooror!
Früher Jäger. Heute überfordert?
Ich habe mal gelesen, dass Menschen mit ADHS früher die Jäger waren.
Wachsam, schnell, reaktionsfähig, aktiv.
Während andere gesammelt, geplant, strukturiert haben.
Vielleicht ist also nicht die Frage: „Was stimmt nicht mit mir?“, sondern: „In welcher Welt würde ich eigentlich perfekt funktionieren?“
Und was mache ich jetzt damit?
Ich habe für mich eine Entscheidung getroffen: Ich werde keine Medikamente nehmen. Definitiv nicht. Medikamente abseits irgendwelcher Supplements, sind für mich Medizin und Medizin nimmt man, wenn man krank ist. Ich bin nicht krank. Das ist nicht meine Wahrheit!
Ich sehe schon ein, dass sie helfen könnten und verstehe total, warum Menschen diesen Weg gehen.
Wenn du funktionieren musst. Wenn dein Alltag sonst nicht tragbar ist. Dann brauchst du manchmal schnelle Regulation.
Aber ich habe das Gefühl: Ich möchte verstehen und mir selber helfen.
Was mir hilft, wenn das ADHS mal wieder „kickt“
Es gibt Momente, da bricht alles gleichzeitig über mich herein.
Und in diesen Momenten hilft mir:
- Meine Musik.
Nur für mich. In meinen Ohren. In meinem Körper. Laut. Starke Beats. Wummern trifft auf Melodie. Mitsingen. Tanzen. Alles raus. Und plötzlich wird es leiser in mir. Hier schreibe ich darüber wie mich Techno-Musik reguliert: Vielleicht will ich gar nicht jung sei, sondern lebendig.
- Gedanken aufschreiben. Sofort.
Alles raus aus dem Kopf. Auf Papier. So wie es kommt. Unsortiert. Ungefiltert. Weil mein Kopf kein Speicher ist – sondern ein Durchgang.
- Reize reduzieren
Nicht alles gleichzeitig. Nicht immer verfügbar sein. Mir erlauben, mich zurückzuziehen. Handy auch mal ignorieren. Noise Cancelling Kopfhörer. Pause mit geschlossenen Augen und einer „Selbstumarmung“. Auch zu viele Entscheidungen tragen zu diesem Chaos im Kopf bei. Wie du diese minimieren kannst, liest du in meinem Beitrag: Was Entscheidungen mit Erschöpfung zu tun haben.
- Bewegung
Mir hilft es, wenn ich mich intensiv bewege. Schnelles gehen. Muskeln anspannen. Auspowern… Oder wenn ich grad nicht weg kann: Fuß wippen, Kaugummikauen, Fidget Toys
- Tapping/ EFT/ Klopfakkupressur
Das Abklopfen hilft mir generell, um mich bei Stress zu regulieren, oder eben wenn ich überreizt bin und mich beruhigen sollte. Für mich stimmige Punkte sind der Scheitelpunkt oben auf dem Kopf, die Handkanten außen und der Bereich zwischen den Augenbrauen und unter dem Auge. Gamechanger ist auch die eigene Umarmung mit leichten Schlägen auf die Oberarme abwechselnd links und rechts.
Wenn alles zu viel wird? Mit dieser Thematik habe ich mich auch schon einmal im Blog beschäftigt und 25 Wege für Veränderung gefunden (Ohne ADHS im Kopf zu haben).
Und dann diese eine große Frage…
Wenn ich mein Leben lang dachte, dass alle Menschen so fühlen wie ich… Wie kann ich dann verstehen, dass sie es nicht tun? Dass andere einfach… ruhiger sind? Strukturierter? Gefasster? Weniger überfordert?
Diese Erkenntnis ist fast größer als das Wort ADHS selbst.
Vielleicht geht es gar nicht darum, „normal“ zu sein
Vielleicht geht es nicht darum, sich anzupassen. Sondern darum, sich selbst zu verstehen.
Zu wissen:
- Wann brauche ich Ruhe?
- Wann Bewegung?
- Wann Fokus?
- Wann Freiheit?
Und vielleicht auch: Wie kann ich mit Menschen leben, die anders funktionieren als ich und wie kann ich mit Menschen leben, die genau so sind, wie ich 😉
Was bedeutet das für Kinder?
Und plötzlich sehe ich Kinder anders. Die Lauten. Die Wilden. Die „Unruhigen“. (Meine Kinder)
Vielleicht sind sie nicht zu viel. Vielleicht fühlen sie einfach mehr. Schneller. Intensiver. Und vielleicht brauchen sie keine Korrektur – sondern Verständnis. Wie können wir das in unserer Gesellschaft gewehrleisten? Mit all den Normen und Verhaltensregeln, mit all dem Müssen und Sollte, mit dem ganzen System?
Ich denke ein kleiner Lösungsansatz, den ich bei meinen eigenen Kindern auch immer wieder verfolge sind Traumreisen. Sie üben das „Ins Gefühl kommen“ mit den Kindern. GedankenSafari für Kinder
Fazit
Ich habe erfahren, dass ich ADHS habe. Oder vielleicht: dass ich schon immer so war. Und dass es jetzt nur einen Namen dafür gibt. Aber dieser Name verändert nicht, wer ich bin. Er gefällt mir auch nicht sonderlich. Er hilft mir nur, mich besser zu verstehen. Weil er da draußen so kummuniziert wird. Ich kann mich so identifizieren, mich austauschen. und das hilft enorm!
Und vielleicht ist genau das der Anfang.
