Kennst du dieses Gefühl, abends völlig müde zu sein, obwohl du körperlich gefühlt gar nicht so viel gemacht hast?

Gestern war bei mir wieder so ein Tag. Ich war einfach fertig. Ich schob es aufs Wetter, es war permanent grau. Die Arbeit war aber nicht herausragend stressig und auf den Zyklus blickend ist auch noch nicht die Zeit der Müdigkeit ran. Ich habe mich toll ernährt und ausreichend mit Wasser und Rohkakao versorgt. War der graue Himmel also die Entschuldigung für meinen Griff zum Energy Drink?

Natürlich war der Tag voll. Arbeit, Kinder, Haushalt, Nachrichten beantworten, organisieren, mitdenken. Aber körperlich? Da bin ich weder einen Berg hochgewandert noch habe ich Schwerstarbeit geleistet. Und trotzdem fühlt sich mein Kopf an, als hätte er zwölf Stunden ohne Pause gearbeitet.

Vielleicht hat er das auch.

Neulich stieß ich auf eine Zahl, die mich zuerst ziemlich skeptisch machte: Studien gehen davon aus, dass wir Menschen täglich über 30.000 Entscheidungen treffen. Manche sprechen von rund 33.000, andere sogar von 35.000 Entscheidungen pro Tag. Erst dachte ich ehrlich gesagt: Das kann doch unmöglich stimmen.

Bis ich begann, bewusster darauf zu achten.

Die meisten Entscheidungen bemerken wir gar nicht

Wobei man fairerweise sagen muss, dass diese Zahlen natürlich nicht komplett exakt messbar sind. Schon die Definition von „Entscheidung“ ist gar nicht so einfach.

Natürlich geht es dabei nicht nur um „große Entscheidungen“ wie einen Umzug, einen neuen Job oder die Frage, wohin die nächste Reise gehen soll. Es sind vielmehr die kleinen, unsichtbaren Entscheidungen, die unser Gehirn pausenlos im Hintergrund trifft.

Stehe ich jetzt auf oder bleibe ich noch fünf Minuten liegen? Was ziehe ich an? Was essen wir heute? Antworte ich sofort oder später? Öffne ich Instagram nur ganz kurz? Kaufe ich das jetzt? Muss ich produktiver sein? Habe ich etwas vergessen? Mache ich genug aus meinem Leben? … und viele 30.000 mehr.

Und genau darin liegt etwas unglaublich Spannendes: Selbst kleine Entscheidungen kosten Energie. Unser Gehirn muss ständig filtern, priorisieren, vergleichen und reagieren. Psychologen sprechen inzwischen sogar von sogenannter „Decision Fatigue“, also Entscheidungsmüdigkeit. Gemeint ist damit der Zustand, in dem unsere mentale Energie durch zu viele Entscheidungen zunehmend erschöpft wird.

Eigentlich erklärt das erschreckend viel über unser heutiges Leben.

Früher gab es weniger Entscheidungen – und weniger Input

Denn wenn man ehrlich ist, leben wir heute in einer Welt permanenter Reizüberflutung. Nicht nur unsere Entscheidungen haben sich vervielfacht – sondern auch die Informationen, aus denen diese Entscheidungen überhaupt erst entstehen.

Früher gab es vielleicht drei Joghurtsorten im Regal. Heute stehen wir vor meterlangen Reihen und vergleichen Inhaltsstoffe, Bewertungen, Preise und Verpackungen. Gleichzeitig konsumieren wir täglich Nachrichten, Reels, Werbung, Podcasts, Meinungen und ständig neue Informationen darüber, wie wir leben, aussehen, arbeiten oder fühlen sollten.

Unser Gehirn sitzt dadurch praktisch nie still.

Selbst wenn unser Körper abends ruhig auf dem Sofa liegt, laufen innerlich oft noch fünfzig offene Tabs gleichzeitig.

Unser Gehirn ist nicht für diese Welt gemacht

Vielleicht antwortet unser Nervensystem deshalb inzwischen schon auf Ruhe mit Unruhe. Vielleicht fällt es vielen Menschen deshalb so schwer, einfach nur dazusitzen, ohne sofort zum Handy zu greifen oder sich durch den TV berieseln zu lassen.

Denn evolutionär betrachtet ist unser Gehirn vermutlich überhaupt nicht für diese gigantische Menge an Input gemacht. Früher bestand das Leben aus einem sehr überschaubaren Umfeld. Wenn ich mir die Erzählungen meiner Omas anhöre, bekomme selbst ich ganz schnell einen Eindruck dieser Überschaubarkeit. Heute konsumieren manche Menschen an einem einzigen Tag mehr Informationen als frühere Generationen in Wochen.

Und genau das macht müde. Nicht unbedingt körperlich. Sondern mental. Emotional. Innerlich.

Warum Reisen sich oft so tief entspannend anfühlen

Mir wurde das besonders bewusst, als ich darüber nachdachte, warum sich Reisen oft so unglaublich erholsam anfühlen – selbst wenn man viel erlebt oder unterwegs ist.

Denn zuhause besteht der Tag oft aus:

  • Organisation
  • Verantwortung
  • Zeitdruck
  • Multitasking
  • sozialen Erwartungen
  • digitalen Reizen
  • permanenter Erreichbarkeit

Im Urlaub fallen viele dieser Entscheidungsschleifen plötzlich weg oder werden stark vereinfacht.

Natürlich spielen Sonne, Meer oder Natur dabei auch eine Rolle. Aber ich glaube inzwischen, ein wesentlicher Faktor wird oft unterschätzt:

Im Urlaub reduziert sich plötzlich die Menge an Entscheidungen und Informationen.

Der Tagesrahmen wird einfacher. Das Gehirn muss weniger organisieren, weniger koordinieren, weniger reagieren. Selbst Kleidung, Essen und Tagesabläufe werden oft unkomplizierter. Gleichzeitig verlieren digitale Reize plötzlich an Bedeutung.

Und genau dadurch entsteht etwas, das viele von uns kaum noch kennen: Mentale Ruhe.

Vielleicht fühlt sich deshalb schon allein das Aufwachen im Urlaub oft leichter an.

Ich fasse genau dieses Thema auch in meinem Beitrag zur Reisepsychologie „Warum reisen wir eigentlich?“ auf.

Warum sich plötzlich alle nach Einfachheit sehnen

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, dass unglaublich viele moderne Sehnsüchte eigentlich genau in diese Richtung gehen.

  • Minimalismus
  • Digital Detox
  • Wandern
  • Retreats
  • Capsule Wardrobes
  • Meal Prep
  • Natur
  • Tiny Houses
  • Vanlife
  • Feste Routinen

Eigentlich versuchen viele Menschen damit unbewusst vor allem eines: ihr Nervensystem zu entlasten. Denn ich glaube inzwischen nicht mehr, dass die meisten Menschen wirklich nach „mehr“ suchen. Nicht nach mehr Möglichkeiten. Nicht nach mehr Auswahl. Nicht nach mehr Input. Sondern nach weniger. Weniger Reize. Weniger Informationsflut. Weniger Entscheidungen. Weniger das Gefühl, ständig reagieren zu müssen.

Bisher tat ich das auch… aber völlig unbewusst. Ich versuche mich mal an ein paar Tipps, einer bewussten Herangehensweise und somit einer bewussten Entlastung für mein System.

Ein kleines Selbstexperiment

Falls du Lust hast, beobachte einmal einen einzigen Tag lang ganz bewusst, wie viele Entscheidungen du treffen musst und wie viele Informationen gleichzeitig auf dich einprasseln.

Nicht nur die offensichtlichen Dinge. Sondern alles. Jedes Öffnen des Handys. Jede Nachricht. Jedes „nur kurz etwas googeln“. Jede Werbung. Jedes Abwägen. Jedes Vergleichen. Jedes „Was essen wir heute?“.

Allein dieses Bewusstwerden verändert oft schon etwas. Denn plötzlich versteht man, warum man sich manchmal erschöpft fühlt, obwohl man körperlich vielleicht gar nicht besonders viel geleistet hat.

Wie wir unser Gehirn entlasten können

Und nein – ich glaube nicht, dass die Lösung darin liegt, das eigene Leben noch perfekter zu organisieren oder noch effizienter zu funktionieren.

Vielleicht liegt die Lösung vielmehr darin, bewusster zu reduzieren.

Manche Entscheidungen lassen sich vereinfachen. Manche bündeln. Manche automatisieren. Manche vielleicht sogar komplett streichen.

Ich merke zum Beispiel selbst, wie gut es meinem Kopf tut, wenn nicht alles täglich neu entschieden werden muss. Ein paar einfache Routinen können dem Gehirn unglaublich viel Arbeit abnehmen, ohne dass das Leben dadurch langweilig wird.

Weniger tägliche Mikroentscheidungen treffen

Viele Menschen unterschätzen völlig, wie viel Energie allein kleine Alltagsentscheidungen kosten. Deshalb kann es unglaublich entlastend sein, bestimmte Dinge zu vereinfachen.

Zum Beispiel:

  • wiederkehrende Lieblingsgerichte statt täglich neu überlegen – Am besten alle in einem Essensplan festhalten
  • Kleidung kombinieren, die grundsätzlich zusammenpasst und auch beim Neukauf darauf achten!
  • feste Einkaufstage
  • ähnliche bzw. gleiche Morgenroutinen
  • Standardlösungen für typische Alltagssituationen
  • Mit Listen arbeiten (gibt es für alle Themen im Internet. Zum Beispiel auch bei mir – Mikroabenteuer statt Mikroentscheidungen 😉 )

Nicht weil man langweilig werden soll – sondern weil das Gehirn dadurch mehr Ruhe bekommt.

Das Handy bewusst aus dem Sichtfeld nehmen

Allein die Sichtbarkeit des Handys erzeugt bei vielen Menschen bereits inneren Stress. Unser Gehirn bleibt unbewusst im Bereitschaftsmodus.

Vielleicht muss das Handy deshalb nicht ständig neben uns liegen. Nicht beim Essen. Nicht beim Spaziergang. Nicht neben dem Bett.

Ich merke selbst, wie anders sich ein Raum plötzlich anfühlt, wenn das Handy einfach in einem anderen Zimmer liegt. Ruhiger. Klarer. Weniger „gezogen“.

Informationspausen schaffen

Wir konsumieren heute oft permanent Input. Podcasts beim Aufräumen. Musik beim Duschen. Reels zwischendurch. Nachrichten nebenbei. Videos beim Essen.

Vielleicht braucht unser Gehirn aber nicht noch mehr Input – sondern endlich wieder Momente ohne Dauerbeschallung. Ein Spaziergang ohne Kopfhörer kann erstaunlich ungewohnt wirken. Und gleichzeitig unglaublich beruhigend.

Dasselbe gilt übrigens für Autofahrten, Wartezeiten oder kleine Wege im Alltag. Früher waren das oft natürliche Ruheinseln. Heute füllen wir fast jede freie Sekunde sofort mit Informationen.

Nicht permanent erreichbar sein

Ich glaube, eines der größten Probleme unserer Zeit ist dieses unterschwellige Gefühl, ständig reagieren zu müssen. Noch schnell antworten. Noch kurz schauen. Noch einmal prüfen. Vielleicht dürfen Nachrichten manchmal einfach warten. (Ja, das dürfen Sie – wer es euch übel nimmt, bekommt diesen Beitrag weitergeleitet!). Nicht jede Nachricht ist dringend. Nicht jede Information braucht sofort unsere Aufmerksamkeit.

Und ehrlich gesagt: Die meisten Dinge lösen sich auch nicht schneller, nur weil wir permanent erreichbar sind.

Wieder monotone Tätigkeiten zulassen

Interessanterweise entspannen monotone Tätigkeiten unser Nervensystem oft viel stärker als permanenter Wechsel zwischen Reizen.

  • Kochen
  • Spazieren
  • Malen, gar nicht mal groß auf Leinwänden. Es reichen auch Mandalas und Stifte.
  • Gärtnern
  • Stricken, Knüpfen, Häkeln… (Unsere Tochter hat keine Hausaufgaben auf, aber sie soll jeden Tag 15 Minuten Handarbeit machen. Das wirkt beruhigend und meditativ)
  • Etwas sortieren
  • Dem Gras beim Wachsen zusehen (ich habe letztens in unserer RB Arena gelernt, dass der Rasen 2cm pro Tag wächst)
  • Dem Regen zuhören
  • Joggen
  • Wäsche bügeln
  • Tanzen – exessiv zu den gleichtönenden Bässen (das brauche ich regelmäßig)

Viele dieser Dinge wirken fast meditativ, weil das Gehirn dabei nicht pausenlos neue Entscheidungen treffen muss.

Vielleicht lieben Menschen deshalb Meer, Lagerfeuer oder Zugfahrten so sehr. Unser Kopf darf dabei endlich langsamer werden.

Bewusst Langeweile zulassen

Das klingt fast absurd in einer Welt voller Unterhaltungsmöglichkeiten, aber ich glaube, Langeweile ist unglaublich wichtig geworden. Bei den Kindern versuche ich es immer zu erreichen. Ich weiß noch wie oft mir als Kind langweilig war. Meine große Tochter kommt fast nie und beschwert sich für Langeweile. Ist das nun gut oder schlecht?

Aber genau in diesen stillen Momenten beginnt unser Gehirn oft erst, sich wirklich zu regulieren.

Kinder können das übrigens oft noch viel besser als Erwachsene. Sie starren Löcher in die Luft, beobachten Wolken oder beschäftigen sich plötzlich kreativ mit Kleinigkeiten. Erwachsene dagegen greifen meist schon nach wenigen Sekunden zum Handy.

Vielleicht müssen wir Langeweile deshalb wieder neu lernen. Nicht als leeren Raum. Sondern als Regeneration.

Natur wieder mehr Raum geben

Kaum etwas reduziert Reize so natürlich wie echte Natur.

  • Wasser
  • Wald
  • Wind
  • Vogelgeräusche
  • Sonnenlicht

Das Spannende daran: Natur reizt unser Gehirn anders als digitale Medien. Sie beruhigt, ohne komplett reizlos zu sein. Vielleicht fühlen sich deshalb viele Menschen nach einem Waldspaziergang oder einem Tag am Meer innerlich klarer, obwohl dort „eigentlich nichts passiert“ ist.

Und vielleicht braucht unser Gehirn genau diese Art von Reizen viel mehr, als uns bewusst ist.

Denn manchmal besteht echte Entlastung nicht darin, mehr Kontrolle über alles zu bekommen, sondern darin, endlich nicht mehr permanent alles verwalten zu müssen.

Weitere 25 Ideen, das Nervensystem zu beruhigen habe ich im Blogbeitrag zusammengetragen.

Vielleicht sind wir gar nicht faul – sondern einfach überladen

Ich glaube inzwischen, viele Menschen sind heute nicht nur körperlich müde.

Sie sind reizmüde. Informationsmüde. Entscheidungsmüde.

Und vielleicht beginnt echte Entspannung genau dort, wo unser System endlich wieder zur Ruhe kommen darf.

Meine Freunde aus Mexiko waren beispielsweise sehr erstaunt über die vielen psychischen Erkrankungen der Deutschen, über Burnout, Depressionen und Antidepressiva als „Heilmittel“. Das kennen sie aus ihrem Land nicht.

Vielleicht wäre Mexiko die nächste Reise wert, um wieder echte Lebensfreude kennenzulernen. Weitere über 50 Gründe Mexiko zu bereisen habe ich in einem Beitrag zusammengetragen.