Heute Morgen schickte mir eine Freundin eine Sprachnachricht. Und während ich sie hörte, bekam ich plötzlich richtig Gänsehaut. Sie sagte, dass sie das Gefühl habe, gerade langsam wieder bei sich selbst anzukommen. Dass sich innerlich etwas verändert. Dass sie glaube, ihre 40er könnten ihre richtig gute Zeit werden.
Und ich dachte nur: „Ja. Genau das.“ – Denn ich fühle das gerade auch so stark.
Ich werde 40 und erstaunlicherweise fühlt sich das überhaupt nicht nach „älter werden“ an. Eher nach Aufwachen. Nach Rückkehr. Nach Wiederentdeckung. Nicht im Sinne von „noch mal jung sein wollen“, sondern viel tiefer. Ehrlicher. Echter. Vielleicht will ich gar nicht jung sein. Vielleicht will ich lebendig sein. Ja das will ich unbedingt!
Die 30er waren das Fundament – aber jetzt bin ich dran
Ich bin stolz auf meine 30er. Wirklich. Wenn ich zurückblicke, sehe ich unglaublich viel Wachstum. Kinder. Verantwortung. Entscheidungen. Der Weg zu mir selbst. Der Weg zu uns. Selbstständigkeit. Durchhalten. Geduldig sein. Funktionieren und immer Weitermachen, obwohl man manchmal gar nicht wusste, woher man die Kraft noch nehmen soll.
Die 30er waren bei mir nicht die Zeit des „sich selbst Feierns“. Sie waren eher die Zeit des Erschaffens. Die Zeit, in der man alles gleichzeitig versucht zu halten. Familie. Alltag. Arbeit. Verwirklichung. Beziehungen. Mental Load. Zukunftsängste. Organisation…
Und gleichzeitig verliert man sich dabei manchmal ein kleines Stück selbst. Nicht dramatisch. Nicht komplett. Aber leise. Fast wie ein Lied, das im Hintergrund immer leiser gedreht wird.
Und genau deshalb fühlt sich diese neue Phase gerade so besonders an. Denn plötzlich wird dieses Lied wieder lauter. Ich drücke wieder auf Play und drehe laut!
Warum elektronische Musik mich so tief berührt
Es ist fast lustig, weil ich selbst früher nie gedacht hätte, dass elektronische Musik einmal so eine große emotionale Bedeutung für mich haben würde. Das war schon immer meine Musik. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mit 13/14 vorm Fernseher hing und die LoveParade beobachtet habe. Jedes Jahr. Mit 16 war ich selbst das erste Mal dort. Es war unbeschreiblich <3 Ich ging gerne Feiern. Das machte Spaß! Sorgte aber für ein Dorfkind immer für eine Menge Organisation.
Ich glaube aber, ich sah die Musik selbst nie als so machtvoll an. Ich liebte Elektro- und House Music, hörte aber auch gern andere Richtungen. Inzwischen merke ich aber immer stärker: Genau diese Musik hält mich lebendig. Und ich meine das genau so:
Nicht einfach „gut gelaunt“. Nicht oberflächlich entertained. Sondern wach. Fühlend. Wahrhaftig. Als würde etwas in mir plötzlich wieder anfangen zu pulsieren.
Wenn dieser Bass einsetzt, passiert etwas mit meinem gesamten System. Mein Kopf wird leiser und gleichzeitig fühle ich plötzlich wieder alles intensiver. Freude. Sehnsucht. Freiheit. Energie. Hoffnung. Verbindung. Ja sogar Farben, Gerüche, Geschmack… Meine Sinne erwachen und werden sensibler.
Und vielleicht klingt das für manche übertrieben, aber ich glaube inzwischen wirklich, dass elektronische Musik für viele Menschen viel mehr ist, als nur Party.
Vielleicht ist sie für manche eine Form von Regulation. Eine Form von emotionalem Loslassen. Eine Erinnerung daran, dass wir nicht nur funktionieren sollen.
Rave statt Rückzug – warum gerade Frauen ab 40 das fühlen
Vor kurzem las ich von einer Studie der University of Leeds, die im Fachjournal Psychology of Music veröffentlicht wurde. Darin berichteten Frauen zwischen 40 und 65 Jahren, dass elektronische Musik und Rave-Kultur für sie eine wichtige Rolle für ihre mentale Gesundheit spielen.
Und ehrlich? Ich konnte das sofort fühlen.
Die Frauen beschrieben dort Dinge wie:
- Stressabbau
- Emotionale Freiheit
- Selbstexpression
- Gemeinschaft
- Verbundenheit
- Das Gefühl, wieder bei sich selbst anzukommen
Ich kann hinter jeden Punkt einen dicken Haken setzen! Besonders spannend fand ich aber etwas anderes: Viele dieser Frauen hatten das Gefühl, dass die Gesellschaft erwartet, man müsse mit zunehmendem Alter ruhiger, vernünftiger oder „gesetzter“ werden.
Aber warum eigentlich? Warum existiert dieses unsichtbare Ablaufdatum für Lebendigkeit? Für Tanzen? Für Ekstase? Für Kultur? Für Nächte voller Musik und Gefühle? Vielleicht beginnt gerade für viele Frauen ab 40 nicht der Rückzug – sondern erst die eigentliche Rückkehr zu sich selbst. Ich will mich jetzt nicht zurückziehen. Ganz und gar nicht! Du?
ADHS, Bass und Regulation
Je mehr ich mich damit beschäftige, desto spannender finde ich auch die neurologische Seite davon. Denn tatsächlich berichten viele Menschen mit ADHS, dass gleichmäßige Beats, repetitive Rhythmen und tiefe Bässe beruhigend auf ihr Nervensystem wirken.
Und auch dazu gibt es inzwischen erste wissenschaftliche Beobachtungen. Rhythmische Musik kann helfen, Reize zu strukturieren, Gedanken zu bündeln und das Gehirn stärker zu regulieren. Gerade monotone, wiederkehrende Beats wirken auf manche Menschen fast wie ein Anker.
Als ich das las, dachte ich nur: Das ergibt so viel Sinn.
Denn genau so fühlt es sich für mich an.
- Nicht chaotisch
- Nicht überfordernd
- Sondern plötzlich klar
- Fast wie ein emotionales Sortieren von innen
Vielleicht verstehen Menschen von außen deshalb manchmal nicht, warum Festivals oder elektronische Musik für manche so eine tiefe Bedeutung haben. (Ich werde oft gefragt…) Sie sehen nur Lichter, Bass und Menschenmengen. Aber viele fühlen dort etwas, das ihnen im Alltag verloren gegangen ist:
Präsenz. Energie. Leben.
Vielleicht ist Tanzen manchmal näher an Heilung als wir denken
Wenn ich ehrlich bin, glaube ich inzwischen, dass Tanzen für manche Menschen eine Form von emotionalem Überleben ist. Denn wann erlauben wir uns im Erwachsenenleben noch, komplett loszulassen? Ohne funktionieren zu müssen. Ohne bewertet zu werden. Ohne effizient zu sein. Einfach nur fühlen.
Der Körper bewegt sich. Der Kopf wird leiser. Man verschwindet für einen Moment komplett aus dem Alltag und taucht in etwas hinein, das größer ist als man selbst.
Vielleicht lieben Menschen deshalb Festivals so sehr. Nicht nur wegen der Musik. Sondern wegen dieses Gefühls von: Ich bin da. Ich lebe. Ich spüre mich.
Ganz ehrlich: Meine Medizin heißt Tanzen – Sport ist mein Tod!
Gestern wollte ich eigentlich ganz vernünftig eine kleine Runde laufen gehen. Wirklich nichts Wildes. Einfach ein bisschen Bewegung, frische Luft und „etwas für mich tun“. Nach fünf Minuten war ich fertig.
Und gleichzeitig gibt es Nächte, in denen ich zu elektronischer Musik Stunden durchtanze, komplett eskaliere, klitschnass bin und erst beim Aufhören merke, dass mein Körper eigentlich längst an seiner Grenze war.
Früher hätte ich gedacht: Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Heute glaube ich, dass genau darin etwas unglaublich Spannendes steckt:
Denn unser Körper funktioniert nicht rein mechanisch. Energie ist nicht einfach nur eine Frage von Muskelkraft oder Kondition. Unser Nervensystem spielt dabei eine riesige Rolle – genauso wie Emotionen, Dopamin, Reize, Begeisterung und innere Verbindung.
Gerade Menschen mit ADHS berichten häufig davon, dass sie bei Dingen, die sie emotional wirklich stimulieren, plötzlich enorme Energie entwickeln können. Gleichzeitig fühlen sich Tätigkeiten, die „vernünftig“ oder monoton wirken, teilweise unfassbar anstrengend an.
Das bedeutet nicht, dass man faul ist. Das Gehirn funktioniert schlicht anders.
Elektronische Musik wirkt dabei auf viele Menschen fast regulierend. Gleichmäßige Beats, tiefe Bässe, repetitive Rhythmen und die starke körperliche Wahrnehmung können helfen, Gedanken zu bündeln und das Nervensystem zu stabilisieren. Gleichzeitig werden bei Musik, Bewegung und emotionaler Euphorie Stoffe wie Dopamin ausgeschüttet – ein Neurotransmitter, der bei ADHS eine besonders große Rolle spielt.
Und vielleicht erklärt das auch, warum Tanzen sich für mich nicht wie „Anstrengung“ anfühlt. Sondern wie Lebendigkeit.
Beim Joggen denke ich darüber nach, wie anstrengend gerade alles ist. Beim Tanzen verschwinde ich komplett aus meinem Kopf. Vielleicht liegt genau darin der Unterschied.
Kurzer Exkurs: Vielleicht brauchen manche Dinge einfach den richtigen Rhythmus
Und genau jetzt musste ich an neulich denken. Das ganze funktioniert nämlich nicht nur mit Bewegung. Nein Musik kann mich auch dazu bringen, monotone Aufgaben zu überwältigen. Die richtige Musik 😉
Eigentlich gibt es in meinem Alltag viele Dinge, die ich als unfassbar monoton empfinde. Rechnungen bezahlen. Organisatorisches. Formulare. Bürokratie. Diese typischen Erwachsenenaufgaben, die man ständig vor sich herschiebt, obwohl sie eigentlich gar nicht so lange dauern würden.
Neulich lief dabei Taktstörer. Laut. Mit Bass. Mit Energie.
Und plötzlich saß ich da, bezahlte Rechnungen, sortierte Dinge, arbeitete Ablagen durch und dachte irgendwann mitten drin: Warum funktioniert das gerade plötzlich?
Ich glaube inzwischen wirklich, dass viele Menschen sich bei solchen Themen viel zu schnell als undiszipliniert oder faul abstempeln, obwohl ihr Gehirn vielleicht einfach anders auf Reize reagiert.
Denn monotone Tätigkeiten ohne emotionale Stimulation können für manche Nervensysteme unglaublich schwer wirken. Musik dagegen verändert oft sofort den inneren Zustand. Der Rhythmus gibt Struktur. Der Bass hält die Aufmerksamkeit zusammen. Emotion kommt ins System. Der Körper bleibt wach.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht immer darum, sich zu etwas „durchzuzwingen“. Vielleicht geht es manchmal einfach darum, den richtigen Zugang zu finden. Den richtigen Rhythmus. Die richtige Atmosphäre. Die richtige Energie.
Ich glaube ehrlich gesagt, viele Menschen versuchen permanent gegen ihr eigenes Nervensystem zu arbeiten, statt zu verstehen, wie es eigentlich funktioniert.
Und vielleicht ist genau das auch ein Teil von Erwachsenwerden:
nicht sich selbst immer weiter zu optimieren, sondern sich selbst immer besser kennenzulernen.
Demnöchst werde ich meine perfekte Musik für Steuererlärungen herausfinden 😉
Wie schon gesagt, tatsächlich kommt diese Eigenschaft, monotone Dinge vor sich herzuschieben, vor allem bei neurodivergenten Menschen vor. Wenn du dich also gerade selbst wiedererkennst und dein Verhalten schon immer hinterfragt hast, gibt es nun vielleicht eine Erklärung für dich!
Ich will mich nicht verstecken
Noch kann ich nicht jedes Wochenende tanzen gehen. Das Leben mit Kindern sieht nun einmal anders aus und ehrlich gesagt liebe ich auch genau das. Aber tief in mir spüre ich trotzdem:
Diese Zeit wird wieder kommen. Und sie darf kommen. Wir dürfen uns darauf freuen. Wir dürfen uns zeigen. Wir dürfen laut sein. Wir dürfen tanzen. Wir dürfen uns schön fühlen. Wir dürfen uns feiern. Und vor allem dürfen wir aufhören zu glauben, dass Lebendigkeit peinlich wäre.
Denn vielleicht beginnt genau dort etwas ganz Gefährliches für diese Gesellschaft:
Menschen, die sich wieder lebendig fühlen. Menschen, die wieder fühlen statt nur funktionieren. Menschen, die nicht innerlich einschlafen wollen.
Da draußen wartet unsere Bühne
Vielleicht klingt das alles gerade ein bisschen emotional. Aber ehrlich gesagt bin ich genau das gerade auch. Emotional. Berührt. Voller Vorfreude. Erwacht. Denn irgendetwas verändert sich gerade.
Nicht nur bei mir. Auch bei anderen Frauen um mich herum. Ich spüre diesen Wunsch nach mehr Leben plötzlich überall. Nach echter Verbindung. Nach Kreativität. Nach Freiheit. Nach Ausdruck.
Und vielleicht ist es kein Zufall, dass ich mit fast 40 plötzlich davon träume, DJ zu werden. Nagut, eigentlich habe ich mir schon immer versucht vorzustellen, wie es wohl wäre, MEINE Emotionen in Musik zu stecken und sie vielen Menschen zugänglich zu machen.
Früher dachte ich nur, beim DJing geht es darum, „cool“ zu sein. Ein paar Knöpfe zu drehen. Hinter dem Mischpult auszurasten, statt in der Menge davor. Heute glaube ich aber, es geht darum, Räume zu erschaffen, in denen Menschen sich wieder fühlen dürfen.
Da draußen wartet unsere Bühne. Unsere Kultur. Unser Leben. Vielleicht hat all das all die Jahre nur darauf gewartet, uns aus der reinen Funktionalität wieder aufzuwecken.
Und ganz ehrlich? Allein bei diesem Gedanken bekomme ich Bauchkribbeln und Gänsehaut.
„MEET ME AT THE LOVEPARADE“
