Eigentlich wollte ich das nicht.

Pauschalreise.
Hotelanlage.
All inclusive.
Kein Mietwagen.
Kein „Land-und-Leute-Entdecken“.

Und doch war genau das richtig.

Winterflucht mit Sonnengarantie

Wir waren im Februar in Ägypten am Roten Meer – zwischen Hurghada und El Gouna. Ägypten ist ein ideales Mittelstreckenziel für die Winterferien. Dieses Jahr war es offenbar besonders warm: zehn Tage, durchschnittlich 26 Grad, kaum Wind.

Beim Landeanflug sah ich erst einmal nur Wüste. Grauer Himmel, staubige Luft – fast wie bei uns, wenn Saharasand über Deutschland zieht. Mein erster Gedanke: Bitte nicht noch mehr Grau.

Doch dieser Eindruck hielt nicht lange.

Unsere Anlage war wie ein botanischer Garten angelegt – sattes Grün, Hibiskusblüten, leuchtende Farben. Und dann das Meer. Diese Türkistöne. Dieses Licht. An manchen Tagen konnten wir sogar das gegenüberliegende Sinai-Gebirge erkennen – es wirkte zum Greifen nah.

Farben sind Energie.
Und nach einem langen Winter sind sie Medizin. Für mich zumindest! Ich konnte mich nicht sattsehen.

Wenig gemacht. Und doch erfüllt.

Wir haben nicht „viel erlebt“. Und doch war der Urlaub reich.

Jeden Morgen bin ich eine große Runde am Strand gelaufen. Alleine. Dehnübungen. Atemübungen. Stille. Keine Verpflichtungen. Kein Tagesplan im Kopf.

Wir haben einen Bootsausflug gemacht, sind geschnorchelt, mit bunten Fischen und sogar mit Delfinen geschwommen. Für meine Tochter war das magisch.

Wir sind am Strand geritten. Ich hatte 20 Jahre nicht auf einem Pferd gesessen. „Jetzt ein bisschen schneller“, sagte der Guide – und plötzlich galoppierte ich über die leeren Sanddünen. Schreiend. Aber nachträglich betrachtet doch um Erfahrungen reicher.

Atemberaubend.
Verbundenheit.
Adrenalin.

Und mindestens sieben innere Abschiede vom Leben.

Meine Tochter hingegen – das erste Mal im Galopp – saß sicher und glücklich im Sattel. Ihre Augen haben geleuchtet wie selten. Allein dafür hat sich diese Reise gelohnt.

El Gouna – Retortenstadt mit Charakter

Ein Tag führte uns nach El Gouna.

Als Touristikerin faszinieren mich Städte, die auf dem Reißbrett entstanden sind. Ich war schon von Cancún beeindruckt – und El Gouna steht dem in nichts nach.

Besonders spannend für mich: Die Stadt wurde von Samih Sawiris entwickelt – meinem früheren Chef aus meiner Zeit bei FTI Touristik. Damals hörte ich oft von El Gouna, konnte es aber nie greifen.

Heute kann ich sagen: Es ist beeindruckend.

Wunderschön angelegte Downtown, Blick vom Turm über die Lagunen, Speedbootfahrt durch die Kanäle, Yachten in den Marinas. Die Kinder durften selbst Boot fahren – mit 80 Sachen Pirouetten drehen. Für unseren Kleinsten war das das Highlight des Urlaubs.

Wir waren privat unterwegs, mit Fahrer und Guide. Mustafa.
Offiziell 10 Euro für den Tag.
Bekommen hat er das Doppelte – und das mit Freude.

Gebrauchsanweisung für Ägypten am Roten Meer

Ägypten funktioniert anders. Wer das versteht, reist entspannter.

1. Trinkgeld ist System – nicht Ausnahme

Schon am Flughafen wurden wir offensiv auf Trinkgeld angesprochen. Das war neu für uns.

Später erfuhren wir: Durchschnittslohn 180–250 € im Monat. Ein Euro ist viel Geld. Viele Familien leben von dem, was der Mann nach Hause bringt.

Im Hotel haben wir mindestens 50 € Trinkgeld verteilt – zusätzlich an Kofferträger, Fahrer, Guides.

Wichtig zu wissen:

  • Euro werden überall akzeptiert.
  • Münzen sind extrem beliebt.
  • Es wird aktiv gefragt.
  • Geldwechsel Münzen gegen Scheine ist üblich.

Das hätte ich gern vorher gewusst.

2. Sprache: Deutsch dominiert

An der Rotmeer-Küste sprechen erstaunlich viele sehr gutes Deutsch. Englisch sowieso. Arabisch wird geschätzt – ein „Salam alaikum“ und ein „Shokran“ öffnen Herzen.

Aber: Man wird fast immer zuerst auf Deutsch angesprochen.

3. Tourverkäufer – klare Kante zeigen

Am ersten Tag fühlte ich mich regelrecht überfallen. Kaum aus dem Zimmer, standen wir zwischen Voucherblock und Anzahlung. Wie die Mücken aufs Frischfleisch stürzten sie sich auf uns.

Mein Learning:

  • Höflich, aber klar ablehnen.
  • Erst ankommen.
  • Preise vergleichen.
  • Keine spontane Unsicherheit zeigen.

Ab Tag drei kannten wir uns. Die Energie kippte. Respekt entsteht, wenn man Haltung zeigt.

4. Netzwerk schlägt Plattform

Unser El-Gouna-Ausflug entstand nicht über eine App, sondern über persönliche Empfehlung.

In Ägypten funktioniert viel über Beziehungen. Provisionen fließen – aber das ist Teil des Systems. Eine Hand wäscht die andere.

Wichtig ist: Fühlt es sich sicher und stimmig an?

Wenn ja – vertrauen.

5. Was man mitbringen kann

Produkte wie Shampoo, Duschgel oder Pflegeartikel werden dankbar angenommen. Beim nächsten Mal würde ich bewusst Dinge mitbringen, statt alles in kleine Reisegrößen umzufüllen. Bei einer Pauschalreise hat man ja auch Platz im Koffer und muss nichts eng packen.

6. Massenausflüge kritisch prüfen

Berichte über Wüstensafaris mit Massenabfertigung gibt es viele. Hier lohnt sich:

  • Vorab recherchieren
  • Kleine Anbieter suchen
  • Bewertungen lesen
  • Qualität über Preis stellen

Und jetzt das Entscheidende: Warum mich dieser Urlaub so gestärkt hat

Ich mag keine Pauschalreisen.
Ich entdecke gern.
Ich brauche Freiheit.

Doch mein Stresslevel war maximal. Und ich wusste: Wenn ich mir wieder ein individuelles Programm baue, erhole ich mich nicht.

Also habe ich losgelassen.

Und genau das war die Heilung.

  • Kein Organisieren.
  • Kein Planen.
  • Kein „wir müssen noch“.
  • Kein Input-Overload.

Nur Farben.
Gerüche.
Wärme.
Meer.

Wir waren als Familie harmonisch wie lange nicht.
Wir waren als Paar wieder Liebespaar.
Nicht nur Eltern.

Das Essen war ästhetisch. Die Menschen aufmerksam. Ich wurde respektvoll und interessiert behandelt.

Und etwas ist mit meinem Selbstwert passiert.

Ich fühlte mich gesehen.
Nicht funktional.
Nicht in Rollen gepresst.
Sondern als Mensch.

Ob beim Medizinmann, beim Ölexperten, beim Sandmann, bei kleinen Gesprächen zwischendurch – da war echte Präsenz. Mir wurde gesagt, ich hätte eine besondere Aura. Und zum ersten Mal habe ich das nicht weggelächelt. Ich habe nachgefragt und ein tiefgründiges Gespräch entstand.

Vielleicht liegt es daran, dass in Kulturen wie dieser Beziehung vor Effizienz steht. Dass Kontakt aufgebaut wird, bevor Geschäft beginnt. Dass Aufmerksamkeit ein Wert ist. Das hat unsere Gesellschaft verloren, oder?

In Deutschland fühle ich oft Distanz. Ich fühle auch oft Oberflächlichkeit, man hört einander nicht mehr zu… Hier fühlte ich volle Aufmerksamkeit und Resonanz.

Und Resonanz nährt.

Die Sache mit dem ersten Hochzeitstag unserer zweiten Hochzeit

Reisen verändern uns.
Aber noch stärker verändern uns die Menschen, mit denen wir sie teilen.

In Ägypten haben wir auch unseren ersten Hochzeitstag unserer zweiten Hochzeit gefeiert. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie sehr sich unser gemeinsamer Weg durch all diese Orte zieht.

Unsere Geschichte begann nicht hier. Sie begann im Internet. Gemeinsam reisten wir durch viele Orte dieser Welt. Mexiko hat unser Herz erobert und dort heirateten wir letztens ein zweites Mal.

Wenn du mehr darüber lesen möchtest, wie wir uns dort noch einmal bewusst füreinander entschieden haben, findest du hier unsere Geschichte:
Unsere Hochzeit in Mexiko

Und wenn du selber in Mexiko heiraten willst, dann gibt es hier die notwendige Unterstützung:

Heiraten in Mexiko

Fazit

Ägypten hat mich überrascht.

Nicht durch Abenteuer.
Nicht durch Kulturprogramm.
Sondern durch Einfachheit.

Manchmal braucht es keinen Roadtrip.
Kein Entdecken.
Kein höher, schneller, weiter.

Manchmal braucht es:
Sonne.
Struktur.
Entlastung.
Und Menschen, die einen anschauen.

Ich werde weiterhin individuell reisen.
Aber ich habe gelernt:

Auch ein Urlaub, der nicht meinen Prinzipien entspricht, kann genau der richtige sein.

Und das ist vielleicht die größte Erkenntnis dieser Reise.