Knapp 100.000 Schritte. Drei Nächte im Zelt. Dosenbier. Sonne satt. Dicke Blasen an den Füßen. Muskelschmerzen des Grauens. Ein UFO namens Cloud 9. Feuer, Konfetti und Zehntausende Menschen, die zum selben Beat springen. Eine Dose Suppe nachts auf dem Campingplatz. Ein paar Minuten Ruhe beim Pullern im Wald. Politische Statements, die ich nicht gebraucht hätte. Und eine fette Spinne… Aber der Reihe nach. Denn meine Erfahrungen beim Glücksgefühle Festival 2026 bestanden aus deutlich mehr als nur Musik.
Ich bin körperlich selten so zerstört von einem Wochenende nach Hause gekommen und habe mich gleichzeitig selten so belebt gefühlt. Vielleicht ist genau das die Magie von Musik.
Fünf Stunden Fahrt und die Frage aller Fragen: Sind wir jetzt Anlieger?
Unsere Reise Richtung Glück begann zunächst einmal mit Stau.
Wir hatten ungefähr fünf Stunden Anreise vor uns und irgendwann erreichten wir tatsächlich Hockenheim.
Theoretisch zumindest. Praktisch war der ganze Ort mit Straßensperrungen und Schildern zugepflastert:
Frei für Anlieger.
Okay. Wir zählten uns als Festivalbesucher nicht als Anlieger, obwohl wir ja ein Anliegen hatten… nämlich zum Zeltplatz zu kommen. Unser Navi checkte immer neue Wege und schlussendlich endete unsere Fahrt immer wieder vor einem dieser Schilder. Irgendwann fanden wir ein paar Ordner, die uns den Weg zeigten. Rückblickend muss ich sagen, war das trotzdem irgendwie gut organisiert. Wir kamen an, parkten das Auto und konnten mit Sack und Pack auf den Platz… kein Ankunftsstau, kein Chaos und das obwohl da ja einige Menschen irgendwie unterkommen mussten auf dem Platz.
Drei Nächte Camping – und plötzlich existiert die normale Welt nicht mehr
Ich mag diese Parallelwelt, die auf einem Campingplatz bzw auf einem Festival entsteht.
Überall stehen Zelte. Irgendwo läuft immer Musik. Wobei „irgendwo“ gelogen ist.
Überall läuft Musik.
Und natürlich nicht dieselbe. Jeder Campingplatzbewohner scheint die geheime Mission zu haben, seine persönliche Playlist gegen sämtliche anderen Playlists durchzusetzen.
Dazu Dosenbier, Dosensuppe, Menschen vor ihren Zelten, Gelächter und dieses herrliche Gefühl, für ein paar Tage überhaupt nichts mit seinem normalen Leben zu tun haben zu müssen.
Am Donnerstagabend sind wir noch einmal kurz nach hinten zum Festivalgelände gelaufen. „Kurz“ bekommt beim Glücksgefühle Festival allerdings eine völlig neue Bedeutung. Von unserem Campingplatz waren wir ungefähr 30 bis 40 Minuten unterwegs. Oneway. Donnerstag Abend war nur eine Bühne offen und ein paar kleinere Orte, wo Musik lief und die menschen wild tanzten. Ich war sofort infiziert und mischte mich freudig unters tanzende Völkchen.
Freitag, 15 Uhr: Ab jetzt bloß nicht stehenbleiben
Am Freitag machten wir uns gegen 15 Uhr auf den Weg zum Festivalgelände. 30 bis 40 Minuten laufen. Durch den Wald, übers Feld, über eine Brücke und noch ein Stück Trampelpfad… Dann erschlug uns direkt das Festivalgelände. Sonne, Laut, Menschen. Wir verschafften uns erst einmal einen Überblick. Es gab drei Main Stages, die waren alle richtig weit auseinander, na klar der Hockenheimring ist halt groß… Würde ja auch keinen Sinn machen, wenn die beim Autorennen nur einen Kilometer fahren 😉
Und dann stehst du vor Cloud 9
Dieses Bühnenhopping, wie ich es mir vorstellte, musste ich ganz schnell verwerfen. Das wird sowohl zeitlich als auch Kräftemäßig nicht funktionieren. Aber ich hatte meine Lieblings-Bühne ziemlich schnell gefunden.
Cloud 9.
Und „Bühne“ oder „Stage“ ist eigentlich ein lächerlich kleines Wort für dieses Ding. Für mich sah Cloud 9 aus wie ein gigantisches UFO, das mitten auf dem Hockenheimring gelandet war.
Futuristisch. Riesig. Mächtig. Und endlos geil. 😍
Dann stehst du davor, es leuchtet, es blinkt. Überall Menschen. Es war übrigens die Elektro/Techno/House-Stage. Der DJ baut den nächsten Track auf, du weißt genau, was gleich kommt. Diese wenigen Sekunden vor dem Drop. Die Spannung steigt. Und dann:
One-Two-One-Two-Three-Four… BÄM.
Der Beat fällt. Feuer schießt aus der Bühne. Pyrotechnik explodiert. Farbpulver steigt über den Menschen auf. Konfetti und Luftschlangen fliegen durch die Luft. Und vor dir beginnt eine gigantische Menschenmasse im selben Takt zu springen. Das kann dir kein Handyvideo vermitteln.
Du hörst die Musik nicht mehr. Du spürst sie. Im Boden. In den Beinen. Im Bauch. Irgendwo mitten in der Brust. Und für diesen einen Moment sind da nicht mehr tausende einzelne Menschen. Da bewegt sich etwas gemeinsam. Ich stand da und fand es schlicht: ATEMBERAUBEND
Körper kaputt aber die Highlights bleiben im Ohr
Bis ungefähr ein Uhr nachts waren wir unterwegs. Das Verrückte war: Mein Körper tat weh. Richtig weh. Ich hatte schon um die 30.000 Schritte auf dem Tacho. Die Füße bekamen langsam Blasen (neue Schuhe und so). Die Beine wurden schwer. Die Muskeln meldeten sich immer deutlicher. Aber der Schmerz hatte eine ziemlich seltsame Regel.
Er kam, wenn ich stehenblieb.
Sobald ich länger irgendwo stand, dachte mein Körper offenbar: Ah wunderbar. Sie bewegt sich nicht mehr. Dann können wir ihr jetzt ja mitteilen, was wir von dieser ganzen Scheiße hier halten. 😂
Und sobald Musik lief und ich wieder tanzte? Weg. Also lautete die Devise:
Bloß nicht stehenbleiben.
Laufen ging. Tanzen ging sowieso. Stillstand war der Feind.
Unser Wetterradar zeigte eine heftige Regenwolke an und so unterbrachen wir unsere Partystimmung am Technobus mit DJ KXXMA und liefen schnellen Schrittes zum Campingplatz – 40 Minuten locker weil wir einen Umweg entlang der Straße gingen.
Als alles wetterfest gemacht war und wir ins Bett, äh Zelt fielen, machte sich mein Körper wieder bemerkbar. Es fühlte sich an wie ein Tadel „Mach sowas nie wieder mit uns!“… Doch doch, am nächsten Tag sollte es weitergehen 😉 Ich brauchte ungefähr eine Stunde um einschlafen zu können und fühlte mich so kaputt und lebendig gleichzeitig.
Neben den Körperschmerzen jagte ein Ohrwurm den nächsten durch meinen Kopf. Ich kann also den Song mit der Textzeile „I know I should sleep, but the voices in my head go: Dödödöp döp döp döp Döööööö“ vollkommen unterstreichen. Die Melodien meiner Highlights von Scooter, David Puentez und Andreas Gabalier spielten sich wieder und immer wieder ab. Wilde Mischung!
Samstagmorgen: Lidl, ich möchte über dieses Eis im Croissant reden
Ein kleines Highlight verdient trotzdem sein eigenes Kapitel. Das Bier war alle und so mussten wir uns wieder durch Hockenheim kämpfen auf der Suche nach einem Supermarkt. Die „Anlieger-frei“ Schilder hatten sich am ersten Festivaltag wohl vermehrt. So fuhren wir in einen Kreisverkehr und jede Ausfahrt war nur für Anlieger frei. Wir teilten der Aufpasserin mit, dass wir ein Anliegen hatten, und zwar zum Lidl zu kommen und sie ließ uns durch.
Lidl ist einer der Hauptsponsoren des Festivals. Und obwohl die Filiale am Stadtrand Hockenheims (auf der anderen Seite) nicht wirklich gut erreichbar war für die Camper, gab es hier auch Festival Aktionen.
Glitzertattoos, Bollerwagen UND Eis. Im. Croissant.
Wer auch immer auf diese Idee gekommen ist: Danke. Dieses Frühstück: Ein Croissant voller Eis mit frischen Erdbeeren, war genau der Start in den Tag, den ich brauchte 🙂
zurück am Campingplatz – und plötzlich steht da HBz
Es sind diese ungeplanten Dinge, die am Ende hängenbleiben. Samstagmorgen. Campingplatz.
Und plötzlich: HBz. Was für eine Überraschung. 😍 Noch bevor der eigentliche Festivaltag überhaupt begonnen hatte, standen wir da und hatten einen unglaublichen Spaß. Genau diese Momente kann man nicht bestellen. Du bist vielleicht noch nicht wieder hundertprozentig festivaltauglich, die ersten Dosen Bier vom Einkauf wurden schon vernichtet und die Elektrolyte wirkte noch nicht ganz… dann hörst du an all den ganzen Beschallungen auf dem Platz vorbei und irgendwo spricht jemand ins Mikrofon: „Good Morning, here is Dirty Thirty and we are the Germans…“ Klingt interessant. Man geht näher ran und sieht eine Crowd Partypeople wild tanzen, mitten auf dem Campingplatz, bei den Duschen. und in der Mitte stehen HBz auf einem Auto.
Wie geil ist das denn bitte gerade?
Glücksgefühle. Da waren sie. Einmal mitgetanzt und laut mitgesungen… am Abend dann mehr von den beiden auf der Euphoria Stage (mein einziger Ausreißer an diesem zweiten Festivaltag, weg von der blauen Stage).
Neelix, HBz, W&W und dann Timmy Trumpet
Die DJ-Auswahl war für mich sowieso eines der großen Highlights des Festivals.
Freitag habe ich David Puentez und Scooter geliebt. Samstag stand ich zwischen David Guetta und Timmy Trumpet und entschied mich letztendlich für Letzteren. Zum Glück!
Scooter am Freitag war dieser herrliche Klassiker, bei dem dein Gehirn plötzlich Texte aus irgendwelchen Schubladen holt, die seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet wurden. HBz haben komplett abgerissen, keine Frage, genau so haben wir es erwartet.
Und dann kam Timmy Trumpet. Alter.
Timmy Trumpet war für mich mit Abstand das Highlight des gesamten Festivals.
Diese Energie. Diese Show. Diese Musik. Dieser Typ, mit seiner Trompete und wie er seinen ganzen Auftritt gefeiert hat. Das zog definitiv mit. Und dann noch diese Bühne: Cloud 9. Feuer. Menschen. Bass.
Genau dafür war ich hier.
Mein Körper war komplett nass geschwitzt. Meine Füße hatten längst beschlossen, dass wir keine Freunde mehr sind. Völlig egal. One-Two-Three-Four-POWER! Tanzen. Schmerzen weg.
Ich finde es bis heute faszinierend. Was kann Musik eigentlich mit unserem Körper machen?
Dieses Festival ist absurd groß
Glücksgefühle ist kein Festival, bei dem du gemütlich einmal eine Runde läufst und danach weißt, was es gibt. Das Ding ist riesig.
2026 kamen nach Angaben der Veranstalter rund 250.000 Menschen über die drei Festivaltage zum ausverkauften Hockenheimring.
Und diese Dimension spürst du. Überall passiert irgendetwas. Neben den drei großen Bühnen gab es den Technobus und kleinere Bühnen, Aktionen und Erlebnisbereiche. Lidl, New Yorker, Aida, Schauinsland… Überall war Action angesagt. Viele hatten Aktionen, manchmal gab es Eis oder Smoothies, oder man konnte sich Glitzertattoos holen, die Haare flechten lassen, Hüte, Sonnenbrillen oder ne Reise gewinnen. Die Möglichkeiten waren riesig, die Zeit für meine Verhältnisse meistens zu knapp. Ich wollte an die Stages, ich wollte Musik. Ich wollte feiern!
Und dann kam die Politik
Vielleicht hat mich genau deshalb das politische Thema auf dem Festival so gestört. Denn ich hatte gerade erlebt, was Musik schaffen kann. Da stehen unglaublich viele vollkommen unterschiedliche Menschen vor einer Bühne. Ich weiß nichts über den Menschen neben mir. Nicht, woher er kommt. Nicht, was er arbeitet. Nicht, woran er glaubt. Und schon gar nicht, was er wählt.
Dann kommt der Drop.
Und wir springen gleichzeitig. Warum reicht das nicht manchmal einfach?
Die Veranstalter hatten Glücksgefühle ursprünglich bewusst als unpolitisches Festival verstanden und erklärt, politische Äußerungen unabhängig von ihrer Richtung von den Bühnen fernhalten zu wollen.
Dann kam die Kontroverse um Alphaville ca. eine Woche vor Festivalbeginn.
Die Band äußerte sich auf einem anderen Festival des Veranstalters politisch und mehrere Gäste beschwerten sich daraufhin. Man wolle an einem solchen Abend nichts mit Politik hören. Klar per se ist Musik politisch… Aber es macht einen unterschied ob Texte es sind oder zwischendurch immer wieder das Wort ergriffen wird. Der Veranstalter trat also an das Management von Alphaville heran und bat darum, die Parolen vom Glücksgefühle Festival fernzuhalten. Die Band wollte dem nicht zustimmen und wurde zunächst ausgeladen. Es gab einen riesigen Shitstorm, von wegen das sei Beraubung der Meinungsfreiheit etc… und so entschuldigte sich der Veranstalter und die Band wurde später wieder eingeladen und entschied sich schließlich selbst gegen den Auftritt.
Und damit passierte aus meiner Sicht ausgerechnet das, was man ursprünglich verhindern wollte:
Politik wurde zu einem Thema dieses Festivals und dieses wurde von so manchem Künstler auf der Bühne zum politischsten Festival des Jahres gekührt und Forever Young zur Hymne. Zahlreiche Künstler griffen die Debatte auf. „Forever Young“ wurde immer wieder gespielt und manche Acts beließen es nicht bei der Musik, sondern positionierten sich ausdrücklich politisch.
Dabei gibt es für mich durchaus einen Unterschied. Alle Farben spielte „Forever Young“. Natürlich konnte man das in diesem Kontext als Zeichen verstehen. Aber wisst ihr was? Ich fand das vollkommen okay. Lass die Musik sprechen. Jeder kann sich seinen Teil denken. Niemand wird beschimpft. Niemand muss sich positionieren. Andreas Gabalier wiederum sprach sinngemäß davon, dass wir zusammenhalten sollten und von Liebe für alle. Auch wunderbar.
Zusammenhalten. Liebe für alle.
Damit kann ich auf einem Festival hervorragend leben. Dafür muss ich nicht wissen, welche Partei irgendjemand wählt.
Bei Felix Jaehn habe ich erlebt, was ich gerade nicht möchte
Während Felix Jaehns letzten Minuten (wir kamen gerade an) lief ich durch die hinteren Reihen. Und dort bekam ich unmittelbar mit, wie sich die Atmosphäre durch politische Aussagen veränderte.
Daumen gingen nach unten. Menschen grummelten. Ich hörte Unmut, Buhrufe. Vor der Bühne gab es Zustimmung. Aber genau das ist mein Punkt:
Plötzlich gab es Lager.
Sekunden vorher standen dort einfach Menschen, die dieselbe Musik hören wollten. Jetzt standen dort Menschen, die sich politisch zueinander positionierten.
Ich brauche das nicht.
Ich möchte auf einem Musikfestival keine Wahlwerbung für die AfD hören. Ich möchte dort genauso wenig „Fuck die AfD“ hören. Nicht, weil diese Aussagen politisch gleichzusetzen wären.
Sondern weil ich an diesem Ort keine von beiden brauche und erst recht nicht in Verbindung mit solchen Kraftausdrücken und diesem Hass.
Menschen haben aufgrund ihrer Erfahrungen und ihres Lebensweges schon immer unterschiedliche Meinungen und Ansichten. Vielleicht brauchen wir gerade deshalb auch Räume, in denen wir nicht ständig herausfinden müssen, wer auf welcher Seite steht, sondern es einfach mal dabei belassen können: Diese Menschen stehen jetzt bei Scooter, Andreas Gabalier, Max Giesinger, Leony oder wem auch immer und finden alle diese Musik toll. Sonst würden sie da ja nicht stehen. Gemeinsamkeiten. Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Gesellschaft ist nur noch auf Spaltung aus…. was ist mit Verbindung, mit einander zuhören, gemeinsam eine Lösung finden?
Und dann sah ich Nuras Auftritt
Nura habe ich auf dem Glücksgefühle Festival nicht gesehen. Ich hätte sie mir auch nicht ausgesucht. zu viel Kraftausdrücke, zu viel Negativität, zu viel von allem… (habe sie letztes Jahr auf dem Spring Break gesehen und das reicht mir für den Rest meines Lebens!)
Erst im Nachhinein sah ich Ausschnitte ihres Auftritts. Und genau dort ist für mich eine Grenze deutlich überschritten worden. Politische Parolen, persönliche Angriffe gegen Andreas Gabalier und die angekündigte Vorstellung, später in dessen Backstage-Bereich zu „kacken“.
Sorry. Was soll das? Das ist unterste Schublade, menschlich ziemlich armselig und erinnert mich an Kindergarten. Meinen Vierjährigen, der sowas auch raushauen könnte, habe ich aber bewusst zu Hause gelassen. Ja, auch davon wollte ich mal Abstand haben.
Man muss Andreas Gabalier nicht mögen. Man muss seine Musik nicht toll finden. Man muss seine Ansichten nicht teilen. Man darf ihn kritisieren.
Aber einen anderen Künstler-Kollegen derart anzugehen, auf einer Bühne auf der dieser selber ebenso auftritt, empfinde ich als respektlos. Und genau das möchte ich auf einem Festival namens Glücksgefühle nicht erleben. Wo kommen wir denn da hin? So viel Hass in einer einzigen Aussage macht alles andere als glücklich. Es sät noch mehr Hass!
Interessanterweise berichteten nach dem Festival auch andere Besucher auf verschiedenen Plattformen, unter anderem Facebook, SWR, dass sie eigentlich eine Pause von Politik und Weltgeschehen gesucht hätten.
Offenbar war ich mit diesem Gefühl also nicht allein.
Darf man eigentlich noch einfach abschalten?
Nach dem Festival habe ich in den sozialen Medien ein bisschen mitdiskutiert. Und irgendwann fiel in einer dieser Diskussionen ein Wort, an dem ich hängen geblieben bin:
ignorant.
Wer auf einem Festival keine politischen Botschaften hören möchte, dürfe gerade „in diesen Zeiten“ nicht einfach abschalten. Künstler würden schließlich Rückgrat zeigen. Und wem das nicht gefällt, der könne ja zu Hause bleiben.
Und genau da frage ich mich: Echt jetzt?
Wann haben wir eigentlich beschlossen, dass ein Mensch permanent politisch verfügbar sein muss?
Wir werden morgens beim ersten Blick aufs Handy mit Kriegen, Wahlen, Krisen, Gewalt und gesellschaftlichen Konflikten konfrontiert. Wir diskutieren darüber auf Social Media, am Arbeitsplatz, beim Abendessen und manchmal wahrscheinlich sogar nachts noch im Kopf.
Und wenn ich dann für ein Wochenende ein Ticket für ein Festival kaufe (für viel Geld), dessen Veranstalter sogar ausdrücklich angekündigt haben, die Bühnen von politischen Botschaften freihalten zu wollen, bin ich ignorant, weil ich dort einfach nur tanzen möchte?
Wo ziehen wir diese Logik eigentlich zu Ende?
Muss mir demnächst mein Bäcker beim Brötchenkauf seine politische Haltung erklären, weil man „in diesen Zeiten nicht schweigen darf“? Bekomme ich vor der Massage erst noch einen Vortrag zur aktuellen Weltlage, bevor ich mich entspannen darf?
Natürlich ist das überspitzt. Aber genau deshalb zeigt es für mich etwas Wichtiges:
Nicht jeder Mensch braucht zu jeder Zeit noch mehr Haltung, noch mehr Diskussion und noch mehr Weltgeschehen. Manche brauchen zwischendurch einfach Ruhe davon.
Menschen gehen unterschiedlich mit dieser permanenten Informationsflut um. Was den einen aktiviert, überfordert den nächsten. Und sich bewusst für ein paar Stunden auszuklinken bedeutet nicht automatisch, dass einem die Welt egal ist.
Vielleicht ist es sogar ziemlich gesund, manchmal zu sagen: Heute nicht.
Heute stehe ich vor einer Bühne. Heute höre ich Musik. Heute tanze ich.
Und morgen darf die Welt wieder rein. Das ist für mich keine Ignoranz. Das ist eine Pause.
Samstag, gleiches Spiel
Samstag waren wir gegen 16:30 Uhr auf dem Gelände. Und erstaunlicherweise funktionierte dasselbe Prinzip erneut: Bewegen. Tanzen. Nicht stehenbleiben. Die Blasen waren natürlich noch da. Die Muskeln ebenfalls. Aber sobald die Musik mich hatte, waren sie plötzlich nebensächlich.
Ich weiß nicht, ob ich jemals zuvor so unmittelbar gespürt habe, welchen Einfluss Musik auf mich haben kann.
Der Körper sagt: Nein. Der Beat sagt: Doch. Und offenbar gewinnt der Beat. 😂
Samstag Nacht: Von Hochsommer zu Dosensuppe
Irgendwann gegen ein Uhr machten wir uns wieder auf den Weg zum Campingplatz und plötzlich war es so kalt. Nicht ein bisschen frischer. Kalt.
Tagsüber hatte die Sonne gebrannt, wir waren komplett durchgeschwitzt gewesen – und jetzt saßen wir nachts auf dem Campingplatz und froren. Also Gaskocher raus. Dose drauf. Dosensuppe.
Und ich kann euch sagen: Es gibt Situationen im Leben, in denen eine Dosensuppe ungefähr dieselbe emotionale Bedeutung bekommt wie ein Fünf-Gänge-Menü. 😂
Da saßen wir. Drei Nächte Camping in den Knochen. Festival hinter uns. Müde. Kalt. Füße kaputt. Warme Suppe. Glücklich. Auch das war irgendwie perfekt.
Fast 100.000 Schritte
Irgendwann schaute ich auf meinen Schrittzähler. Von Donnerstagabend bis Sonntagmorgen: knapp 100.000 Schritte. Ich hatte dicke Blasen. Muskel- und Beinschmerzen des Grauens.
Zwei Nächte hintereinander hatte mein ganzer Körper geschmerzt, sobald ich mich hingelegt hatte.
Und trotzdem konnte ich tanzen. Stundenlang. Das bekomme ich bis heute nicht richtig zusammen. Und falls das jetzt jemand denken sollte, nein außer Red Bull nutzte ich keine Hilfsmittel. Auf dem festival Gelände trank ich kaum Alkohol und Drogen habe ich noch nie genommen, werde ich wohl auch nicht. Funktioniert ja auch so 😉
Vielleicht unterschätzen wir, was Musik mit uns macht. Vielleicht kann sie tatsächlich für ein paar Stunden etwas übertönen, das unser Körper längst laut herausschreit.
Oder vielleicht produziert unser Gehirn beim Tanzen einfach genügend wunderbares eigenes Zeug, um uns davon zu überzeugen, dass Füße völlig überbewertet sind. 😅
Und natürlich brauchten wir zum Abschluss noch eine Spinne
Sonntag. Zusammenbauen. Abreise. Wieder mehrere Stunden Fahrt vor uns. Ich war müde aber bereit zu fahren. Und vielleicht hat sie mir das Universum geschickt um einigermaßen wieder auf den Stand der vergangenen Tage zu kommen… Adrenalintechnisch….
Irgendwann klappte ich während der Fahrt die Sonnenblende herunter. Und plötzlich seilte sich direkt vor mir eine DICKE FETTE SPINNE ab. Keine Oma Langbein, eine richtig dicke Kreuzspinne oder sogar Nosferatu Spinne. Mitten auf der Fahrbahn. Während der Fahrt.
Es gab diesen kurzen Moment, in dem sämtliche während des Festivals erlangte innere Ausgeglichenheit schlagartig verschwunden war. 😂 Dann Warnblinklicht an. Anhalten und erstmal raus. Kurz durchatmen und ich habe sie mit einer Red Bull Dose eingefangen und nach draußen befördert. Ich glaub die wollte gar nicht vom Hockenheimring weg und nach Leipzig umsiedeln.
Eine großartige Geschichte. Natürlich. Denn genau solche vollkommen bekloppten Dinge bleiben hängen.
Mein Fazit zum Glücksgefühle Festival 2026: Würde ich wieder hinfahren?
Das ist gar nicht so einfach. Denn objektiv fand ich unglaublich viel richtig gut. Die Organisation dieser gigantischen Veranstaltung hat mich beeindruckt. Die Ordner haben wir größtenteils als ausgesprochen freundlich erlebt. Die DJs waren hervorragend ausgewählt. Cloud 9 war für mich der Wahnsinn.
HBz hätten meiner Meinung nach dringend eine größere Bühne gebraucht – der Andrang war enorm, die Stage musste sogar geschlossen werden und die Menschen drängten in Massen trotzdem in den Bereich. Das war sicher nicht ganz so sicher für alle Beteiligten.
Timmy Trumpet würde ich sofort wieder sehen. David Puentez ebenfalls. Scooter sowieso. Auch W&W, Dimitri Vegas und Lost Frequencies haben abgeliefert. BUNT. sang einfach auf der Bühne weiter, als der Strom kurz ausfiel. Herrlich.
Die kleinen Bühnen und Aktionen haben dem Gelände etwas Besonderes gegeben.
Und die Abschlussshow war mega. Gleichzeitig waren mir persönlich im Gesamt-Line-up zu viele deutsche Acts, die mich musikalisch einfach nicht interessieren. Allen voran Nura, aber auch diese Malle Leute Mia Julia und Julian Sommer, Ayliva als main Act… sgat mir bis heute nichts, auch Montez oder Bausa, 01099 oder Marteria… Sowas brauch ich auf keinen Fall auf einem Festival.
Fünf Stunden Anreise sind außerdem fünf Stunden Anreise. Und dieses Festival ist so riesig, dass man vieles überhaupt nicht erleben kann. Deshalb wird es für uns im nächsten Jahr wahrscheinlich wieder ein kleineres Festival. Ein rein Elektronisches, sofern es das noch gibt. Vermutlich endlich mal das Sonne Mond und Sterne.
Aber bereue ich dieses Wochenende? Keine einzige Sekunde.
Mein Körper ist zerstört. Und ich fühle mich fantastisch.
Das ist vielleicht das Verrückteste. Diese Woche danach tun mir die Beine weh. Meine Füße sehen aus, als hätten sie einen persönlichen Krieg hinter sich. Meine Stimme kommt so langsam wieder in vollem Glanze zum Vorschein. Mein Körper hat mir sehr deutlich mitgeteilt, dass knapp 100.000 Schritte, stundenlanges Tanzen und drei Nächte Camping nicht mehr unter „Wellnessurlaub“ fallen. Und trotzdem sitze ich hier und fühle mich: belebt.
Nicht nur glücklich. Nicht einfach erholt. Belebt. Als hätte jemand nach drei Tagen den Stecker wieder eingesteckt. Vielleicht muss Erholung manchmal gar nicht bedeuten, still zu sein. Vielleicht ist es manchmal genau das Gegenteil. Raus aus dem Alltag. Laut sein. Schwitzen. Lachen.
Mit Fremden reden. Nachts Dosensuppe essen. Im Wald die Sonne zwischen den Blättern anschauen und die ruhigen Minuten für sich alleine genießen (welcher Festivalgänger geht schon in den Wald?).Tanzen, obwohl die Füße schmerzen. Und für ein paar Tage aufhören, über all den Mist nachzudenken, der sonst ständig unseren Kopf besetzt.
Eigentlich war ich doch nur zum Tanzen da.
Und vielleicht war genau das gerade nötig. Denn mein Körper war an diesem Wochenende ziemlich eindeutig: Bloß nicht stehenbleiben.
Vielleicht nehme ich genau das einfach mit zurück ins echte Leben.
